Hoffnungsbarometer

Es kommt darauf an, das Hoffen zu lernen. (Ernst Bloch)

Hoffnung – eine psychologische Einführung

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Hoffnung in der Sozialpsychologie

Während Hoffnung seit über zwei Jahrtausenden in Philosophie und Theologie eine relativ bedeutende Rolle spielt, hat sich die Psychologie in ihren Anfängen im 19. Jahrhundert nicht diesem Phänomen gewidmet. Freud etwa thematisierte während dem Übergang zum 20. Jahrhundert Wünsche, die in Träumen in Erfüllung gehen (vgl. 2009: 136-146). Seine Psychoanalyse steht jedoch seit Jahrzehnten im Schatten einer stark empirisch orientierten Sozialpsychologie. Dort wird Hoffnung seit den Sechzigerjahren vor allem im Bereich der Pflegewissenschaften untersucht (vgl. LIPPS/HUPPMANN 2006: 201-211). Beim Psychologen EZRA STOTLAND ist Hoffnung die Erwartung eines Ziels, die grösser als Null ist (1969). Der Sozialpsychologe C. R. SNYDER bezeichnet Hoffnung als eine mentale Brücke zu Zielen, die gegenwärtig geträumt werden, aber in die Zukunft gerichtet sind (vgl. SNYDER 2000: 25). Obwohl die Psychoanalyse auf den Begriff der Hoffnung weder theoretisch noch in der psychotherapeutischen Praxis verzichten kann, haben sich bisher nur wenige deutschsprachige Autoren explizit mit Hoffnung beschäftigt, SCHNOOR war die erste, die versuchte eine umfassende Psychoanalyse der Hoffnung aufzuarbeiten.

Hoffnung als Problemlösungsstrategie

ELISABETH ALEXANDER definiert Hoffnung als Problemlösungsstrategie bei Verunsicherung. Hoffnung, so die Sozialpsychologin, unterscheide sich vom Optimismus dadurch, dass die Wahrscheinlichkeit, dass das Erhoffte eintreffe, als beträchtlich hoch angesehen wird (vgl. 2008: 24). In einer empirischen Studie untersucht sie die Hoffnung bei 39 Jugendlichen mit erschwerten Lebensumständen: schwangere Teenagers, Obdachlose, Schulabbrecher und Delinquenten. Sie vertieft die Studie mit 13 der 39 Jugendlichen, die sehr viel oder sehr wenig Hoffnung haben. Sie entwickelt so ein theoretisches Modell, das Hoffnung als einen Prozess beschreibt, der bei Wandel, Problemen und Unsicherheiten für Orientierung sorgt. Dieser Prozess verläuft über fünf Stufen (2008: 185-192): In der ersten Stufe wird ein Individuum mit Unsicherheit und Komplexität konfrontiert, wonach es in der zweiten über eine temporalisierten Vergleich zur verunsichernden Gegenwart herstellt und sich eine wünschenswerte Zukunft ersehnt. In der dritten Stufe entwickelt das Individuum Strategien, um seine Ziele zu erreichen und in der vierten setzt es diese Strategien mit seinen Ressourcen um. In einer fünften Stufe besteht eine Offenheit bzw. Flexibilität, ob die Hoffnungen sich erfüllen, ob sie modifiziert oder auch enttäuscht werden. Diese Erfahrungen prägen weitere Hoffnungsprozesse. Es versteht sich von selbst, dass Hoffnungen durch diesen Lernprozess zur self-fulfilling prophecy werden können. Gerade weil sie intentional sind und soziale Ressourcen freigesetzt werden, erhöht sich die Chance der Erfüllung. Dabei ist diese Hoffnung aus psychoanalytischer Sicht kein eigenwilliger Prozess, sondern basiert auf der Basis eines Grundvertrauens – das Leben wird als Kontinuität verstanden, dieses Vertrauen vermittelt zwischen den Erfahrungen der Vergangenheit und Gegenwart ins Zukünftige hinein (SCHNOOR: 52)

Hoffnung als Selbstkompetenz

So hat gemäss SCHÄFER (2009: 22) die psychologische Forschung Hoffnung mittlerweile als einen der wichtigsten Faktoren für Wohlbefinden, Erfolg und Resilienz identifiziert: “Hoffnungsvolle Menschen sind selbstbewusster, konzentrierter und achtsamer als hoffnungsarme Menschen. Sie leiden zudem weniger unter Ängsten und depressiven Verstimmungen. Hoffnung hilft, schwierige Situationen und Lebensprüfungen zu überstehen.“

Der Begriff der Hoffnung ist eng mit Gesundheit verbunden, „während Hoffnungslosigkeit mit dem Verhaftetsein in einer ungelösten Krise, in der Depression und in einer chronischen Krankheit in Beziehung gebracht werden kann (SCHNOOR: 224). FEND (2005: 431) beschreibt die charakteristische Verzerrung im Denken von Depressiven mit der negativen Sicht von sich selbst, der negativen Sicht der Umwelt und der negativen Sicht der Zukunft. „Der Depressive hat keine Hoffnung, dass sich seine momentanen Schwierigkeiten in absehbarer Zukunft ändern.“ LUKAS (1993: 60) bezeichnet Hoffnungslosigkeit als eine der vier neurotischen Grundhaltungen. FRANKL spricht als Begründer der Logotherapie (1996: 56) sogar vom Phänomen des „Todes aus Hoffnungslosigkeit“.

SNYDER betont die Intentionalität der Hoffnung (SNYDER 2000: 8ff.). Hoffnung ist dabei eine bestimmte Art und Weise, wie über die eigenen Ziele nachgedacht wird: Hoffnungsvolle Menschen sind entschlossen, ihre Ziele („Goals“) zu erreichen und sie glauben, dies auch zu schaffen. Sie machen sich – zweitens – Gedanken über Mittel und Wege, um diese Ziele zu erreichen („Pathway Thoughts“). Sie entwickeln entsprechende Pläne und Strategien („Agency thoughts“), um dies auszuführen. Hoffnungsinhalte lassen sich dabei gemäss LIPPS/HUPPMANN (2006: 190) anhand von drei Dimensionen beschreiben: Hoffnung hat für die betroffene Person eine hohe Bedeutsamkeit, diese Person geht davon aus, dass das Erhoffte eintreten wird und sie übt eine Kontrolle über das Eintreten des Ereignisses aus.

Hoffnung ist also Selbstkompetenz. In der Theorie von C. G. Jung ist Hoffnung die Fähigkeit des Selbst, in fördernder und steuernder Weise den eigenen psychischen Wachstums- und Individuationsprozess zu beeinflussen (SCHNOOR: 57)

Soziale Beziehungen als Basis für Hoffnung

KAST (2008) und SCHÄFER (2009: 25) führen die Grundlagen einer Hoffnungskompetenz auf die prinzipielle Vertrauensfähigkeit und auf das Erleben verlässlicher Bindungen zurück. Das Zusammenspiel von Hoffnung, Vertrauen und Sozialbeziehungen beginnt dabei in der frühen Kindheit. Der „orale Optimismus“ und das „Urvertrauen“ sind Grundlage für die allmählich wachsende Hoffnungskompetenz. „Beides ist abhängig von einer positiven Objektbeziehung, in der der Säugling durch die Eltern in zuverlässiger Weise angenommen, behütet und geliebt worden ist (SCHNOOR: 228). Hoffnungskompetenz entwickelt sich, wenn das Kind durch seine Handlungen bewirken kann, dass seine Bedürfnisse durch seine Umwelt befriedigt werden. Hoffnungslosigkeit entwickelt sich demgegenüber aus dem Grundgefühl des „Urmisstrauens“ und der Hilflosigkeit (vgl. SCHNOOR: 50, 57, 85). Gemäss ALEXANDER (2008) und SCHÄFER (2009: 25) zeichnen sich hoffnungsvolle Menschen durch hohe soziale Verbundenheit aus. Demgegenüber weist Hoffnungslosigkeit etwas Monologisches und Beziehungsloses auf (SCHNOOR: 63). Hoffnungsstarke Personen suchen sich Vorbilder und Rollenmodelle, von denen sie Zielorientierung und erfolgreiches Handeln lernen. Die Vernetzung und der gegenseitige Austausch mit anderen Menschen sind bei hoffnungsstarken Menschen sehr stark. Soziale Ressourcen sind der Lebenssaft der Hoffnung. Aufgrund ihrer psychotherapeutischen Studie betonen SNYDER (2003) und CHEAVENS (2006), dass Hoffnung lernbar ist und trainiert werden kann.

Hoffnung als Lebenseinstellung

DUFAUT/MARTOCCIO (1985) und SCHAEFER (2009: 24) erwähnen im Zusammenhang mit der Krebspatientenforschung, dass Hoffnung mit starken positiven Gefühlen einhergehe. Sie beschreiben die grundsätzliche Lebenseinstellung einer „generalized hope“ als einen unsichtbaren Schirm, der den Hoffenden schützt, indem er ein positives Licht auf das Leben wirft. Für CHEAVENS (2006) ist es wichtig, Hoffnung nicht mit simplem Optimismus als schlichtem Schicksalsglauben zu verwechseln. Hoffnung setzt Motivation und Kraft voraus, einen Weg zu gehen.

Hoffnung als Handlungskompetenz

Hoffnungskompetenz ist in diesem Sinne auch Handlungskompetenz. Tätige Hoffnung, wie Bloch sie beschreibt, bedingt wichtige Ich-Qualitäten wie die differenzierte Wahrnehmung, Gedächtnis, Aufmerksamkeit, rationales Denken, Realitätsprüfung, Zeiterleben, Urteilsfähigkeit, Willenskraft und Antizipation (SCHNOOR: 84). Für FROMM gehören Hoffnung und Handlung eng zusammen, Hoffnung äussert sich in Aktivität in der Gegenwart und nicht einfach in einem Warten auf eine bessere Zukunft (17-19). Auch für SCHNOOR (157 und 229) bedeutet Hoffnung, auf erfolgreiche frühkindliche Befriedigungserfahrungen zurückgreifen zu können, um so mit bewusstem Handeln in bewusster und aktiver Weise aktuelles Leid und aktuelle Probleme überholen zu können, demgegenüber haftet Hoffnungslosigkeit etwas Handlungsunfähiges an.

Hoffnung in der Logotherapie und Existenzanalyse

Viktor E. Frankl, der Wiener Begründer der in Österreich als eigenständiges Therapieverfahren anerkannten aber in der Schweiz nur wenig bekannten Logotherapie und Existenzanalyse, hat die Grundzüge seiner sinn­zentrierten Psychotherapie bereits in den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts konzipiert. Während seines Aufenthalts in vier verschiedenen Konzentrationslagern aufgrund seiner jüdischen Abstammung hatte er selbst Gelegenheit, die Logotherapie ungewollt zu validieren.

Seine Methodik, die als die „dritte Wiener Schule“ der Psychotherapie neben Freud und Adler gilt, geht davon aus, dass der Mensch existentiell auf Sinn ausgerichtet ist. Der Mensch ist ein Leben lang ein Wesen auf der Suche nach Sinn und hat in jeder Situation die Möglichkeit, die Freiheit und die Verantwortung, diese Sinnsuche zu gestalten. Frankl geht davon aus, dass Sinn eine objektive Grösse ist, die einer Situation innewohnt, auch wenn diese aus rationaler Sicht unverständlich und unfassbar erscheint. Das logotherapeutische Konzept der Hoffnung setzt am Menschenbild und am Konzept der Sinnhaftigkeit des Lebens an. Auch wenn der Sinn einer konkreten Situation in einer für den Menschen fassbaren Dimension verborgen bleibt, so wird Hoffnung logotherapeutisch derart gedeutet, dass das Leben in eine transzendente Dimension reicht, die dem Leben auch dann noch einen Sinn zuspricht, wenn menschlich gesehen keiner sichtbar ist.

In Abgrenzung zu Freuds Psycho-Analyse, die auf triebhafte Kräfte ausgerichtet ist, entwickelte Frankl eine auf Werte ausgerichtete Existenz-Analyse. Zum Aspekt der Hoffnung vergleicht SCHULZ (2005: 144): „Jung hat sich mit der Nacht des kollektiven Unbewussten befasst, Freud hat sich in der Morgendämmerung um das Erkennen des schemenhaft Vorhandenen bemüht. Die Logotherapie fragt aber auch nach dem Morgen nach der Dämmerung. Der angestrengte Blick zurück lässt Hoffnung nicht zur vollen Entfaltung kommen. Hoffnung ist Gewinnung von Neuland, nicht nur bessere Inbesitznahme des schon vorhandenen Bodens“.

Die Logotherapie betont „die Offenheit der Zukunft, die es zu gestalten gilt“ und bezeichnet sich selbst als eine „Psychotherapie der Hoffnung“[1]. FRANKL (1977) geht davon aus, dass die Hoffnung eine ungeahnte Kraft und einen immensen Motivator zur Mitgestaltung darstellt. Dabei ist die Logotherapie eine positive Weltanschauung, sie legt den Schwerpunkt auf das Positive, auch noch neben und trotz des existierenden Negativens, z.B. der Aussöhnung mit einer unheilbaren Krankheit.

Hoffnung in der Positiven Psychologie

In den 1990er Jahren wurde die „Positive Psychology“ durch den amerikanischen Psychologen SELIGMAN begründet. Statt sich damit zu beschäftigten, was den Menschen krank macht, legt die Positive Psychologie ihren Schwerpunkt darauf herauszufinden, was den Menschen gesund erhält und gesund macht. Die positive Psychologie ruht dabei auf der Erforschung der drei Säulen:

  • positive Emotionen
  • positive Charaktereigenschaften
  • positive Institutionen

Die positiven Emotionen unterteilt SELIGMAN in die drei Gruppen: vergangenheitsbezogen, zukunftsbezogen und gegenwartsbezogen. Zu den zukunftsbezogenen Emotionen zählt Seligman Optimismus, Hoffnung, Vertrauen, Glauben und Zuversicht. Hoffnung, Optimismus und Zuversicht stehen für eine positive Haltung der Zukunft gegenüber. Seligman und seine Mitarbeiter fanden in ihren Studien 24 Charakterstärken, die sie sechs Grundtugenden zuordneten. Als Grundtugenden definiert SELIGMAN Weisheit und Wissen, Mut, Menschlichkeit, Gerechtigkeit, Mässigung und Transzendenz. Die Tugend Transzendez umfasst als Charakterstärken

  • den Sinn für Schönes,
  • Dankbarkeit,
  • Hoffnung,
  • Humor und
  • Spiritualität

Für die Erforschung dieser Stärken und Tugenden arbeitet die Fachrichtung Persönlichkeitspsychologie und Diagnostik des Psychologischen Instituts der Universität Zürich (Prof. Dr. Willibald Ruch) mit dem VIA-IS-Tool (Values in Action Inventory of Strength)[2]. Die Interpretationshilfe zum VIA-IS[3] definiert:

  • „Transzendenz: Psychologische Stärken der Transzendenz beinhalten Persönlichkeitseigenschaften, die es Menschen ermöglichen, eine Beziehung zu einer höheren Instanz zu haben und dem Leben Sinn zu verleihen. Diese Tugend umfasst alles, was jenseits des menschlichen Verstandes liegt, was die Menschen ihre Sorgen vergessen lässt und ihrem Dasein Bedeutung verleiht“
  • „Hoffnung: Hoffnungsvolle Menschen haben grundsätzlich eine positive Einstellung gegenüber der Zukunft. Sie sind optimistisch und zuversichtlich und können auch dann etwas positiv noch sehen, wenn es für andere negativ erscheint. Sie hoffen das Beste für die Zukunft und tun ihr Mögliches, um ihre Ziele zu erreichen. Dabei haben sie ein klares Bild, was sie sich für die Zukunft wünschen und wie sie sich die Zukunft vorstellen. Wenn mal etwas nicht klappt, versuchen hoffnungsvolle Menschen trotz Herausforderungen oder Rückschlägen optimistisch in die Zukunft zu blicken. Niedrige Ausprägungen in der Hoffnung werden mit Pessimismus, Hoffnungslosigkeit und Hilflosigkeit in Verbindung gebracht. Hoffnungslose und pessimistische Menschen machen eine düstere Prognose der Zukunft.“

[1] Vgl. DEUTSCHE GESELLSCHAFT FÜR LOGOTHERAPIE UND EXISTENZANALYSE (1997) Das Prinzip Hoffnung in der Logotherape. Tagungsbericht der Freundschaftstagung in Davos = Logotherapie & Existenzanalyse, Zeitschrift der Deutschen Gesellschaft für Logotherapie und Existenzanalyse e.V.. Heft 1 / 1997

[2] http://www.viacharacter.org/

[3] http://www.charakterstaerken.org/VIA_Interpretationshilfe.pdf

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